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West-Berlin
– Liebeserklärung an eine Stadt, die aus dem
Leben gerissen wurde.
Ick bin Berliner! Eigentlich ist mit diesem Satz alles gesagt. Ich bin die Krone der Schöpfung, ein Meisterwerk, gottgleich. Rassismuss ist mir fremd. Ich stehe eh über allem. Dass ich aus West-Berlin stamme, ist dabei für mich vollkommen logisch. Es gibt Berliner und Ost-Berliner: Ick bin Berliner! Ich lach mich kaputt über die Wessi´s, die für mich nicht mehr sind als Bauerntrampel, die in den Ku´damm Discotheken ihr Geld lassen und dabei staunen, dass man nicht um Zwölwe oder Halbeins nach Hause muss. Die erkennt man schon von weiten an ihren Frisuren und Klamotten. Ich bemitleide die Ossi´s, die hinter der Mauer mit ihren Trabbis meine Luft verpesten, Westfernsehen gucken und nicht nach Italien oder sonst wohin dürfen. Die DDR ist für mich nur die tristgraue Transit-Landschaft, die am Auto (im besten Falle mit 100 KM/h) vorbeizieht auf dem Weg in den Urlaub. Meine Eltern mögen „Ein Kessel Buntes! (Eine Fernsehsendung des DDR Fernsehens mit zeitgemäßen Künstlern, eine Mischung aus Variete und Musiksendung). Kippen sind im Intershop billiger. So gibt es sogar was positives am Osten. Die Kümmeltürken wohnen überwiegend in Kreuzberg, Neuköln und Moabit und wenn man irgendwie mit denen zu tun hat, sind die eigentlich immer freundlich. Wenn man sich mal an den Geschmack gewöhnt hat, ist ein Döner ab und an sogar eine annähernd akzeptable Abwechslung zur bis heute ungeschlagenen Berliner Currywurst. Mit Bussen und U-Bahnen komme ich überall hin, kann innerhalb von 2 Stunden sogar umsteigen, darf aber nicht zurückfahren, auch nicht im Kreis. Okay, ich hab eh ne Monatskarte, totale Freiheit. Früher hatte ich nur 3 Linien darauf, inzwischen habe ich Gesamtnetz! Den roten Nothammer des Busses, der bei mir zu Hause rumliegt, habe ich von einem Mitschüler gekauft, weil ich mich nicht getraut habe, selbst einen zu klauen. Eigentlich weiß nicht, wofür man so ein Ding überhaupt brauchen kann. Ich trage rechts ein Nietenarmband und einen schwarzen Lederhandschuh, bei dem ich die Finger abgeschnitten habe - Ich bin cool! Ich wohne übrigens in Spandau. Meine Eltern sind da hingezogen, als ich im Einschulalter war. Genauer gesagt in Staaken am Stadtrand. Es gibt gleich hinter den Hochhäusern noch ein paar bestellte Felder, die bis zur Mauer reichen. Ich habe maximal 5 Minuten Fußweg und bin mit meinem Hund, natürlich ohne Leine, im Grünen, kann aber mit dem 94er (Bus) in gut 40 Minuten ohne Umsteigen zum Ku´damm fahren, also ins Kino, zum Shoppen oder in die Disco. Disco! Wie schon gesagt, West-Berlin kennt keine Sperrstunde. Es gibt Discotheken, in denen coole Import-Maxiversionen laufen. Wer einmal zur amerikanischen Maxi-Version von „Rock me Amadeus“ getanzt hat… Wir befinden uns in den 80ern. Aldi´s (herablassend für Alternative – Gründerväter der Grünen) tragen häßliche Strickpullover, benutzen Jutebeutel statt Plastiktüten und demonstrieren gegen Atomkraft. Hausbesetzer sind schwer im öffentlichen Interesse, gehasst, aber schmeißen einige geile Partys. Punks gammeln auf den Stufen der Gedächtniskirche und schnorren nach ner Mark. Die „grauen Herren“ sitzen weit weg in Bonn, in West-Berlin findet Politik alltäglich auf der Straße statt. Der Berliner Bürgermeister ist ganz klar die höchste deutsche Instanz. Das erkennt man schon an den Besuchern, die eher Bonn ausfallen lassen, als in West-Berlin auf eine Audienz zu verzichten. Wer in der Welt was auf sich hält, kommt nach West-Berlin! Die „Neue Deutsche Welle“ hält, nicht nur musikalisch, überall Einzug, hier besonders, natürlich.. Künstler, die was auf sich halten, wohnen in West-Berlin, oder sind zumindest regelmäßig vor Ort. Das bezieht sich übrigens nicht nur auf die Pop- Rockszene. Ob Theater, Oper… In Berlin tritt auf und stellt aus was Rang und Namen hat. Ist ja auch selbstverständlich. Für mich als West-Berliner, ist das Beste eh gerade gut genug! Dass (nicht nur) Kulturelles mit Fördergeldern, welches ja von irgendwem verdient werden muss, unterstützt wird, ist nichts weiter als meinem Stand – West-Berliner – angemessen. Ihr Völker der Welt, schaut auf MEINE Stadt. Kommt sie besuchen und staunt. Ich belächel euch dabei ein wenig von oben herab… Ohne es bewußt zu merken, bin ich wahnsinnig stolz auf diese meine Stadt, halte mich für was Besseres. Ich muss auch nicht zum Bund! Ich mache eine Ausbildung und gehe einem Beruf nach. Solche Kinkerlitzchen wie Bundeswehr passen eh besser zu den gummistiefeltragenden Wessibauerntölpeln, die am Ku´damm … Ku´damm, oder richtiger gesagt der Kurfürstendamm und seine Seitenstraßen. Hier ist das Leben. Es gibt Discotheken, Kinos, Kneipen, Restaurants, Boutiquen, den Zoo - einfach alles was das Herz begehrt. Für die Touris ein Anziehungspunkt zum Staunen, für mich: normal. Ins KaDeWe zieht mich nichts, das ist auch eher was für die Touris. Aber in der Mini-City (am Europacenter) haben Fashion Läden aufgemacht, die den Zeitgeist und Modegeschmack verschiedener Styles vollauf befriedigen. West-Berlin in den 70ern und 80ern war die geilste Stadt im Universum. Wer nicht zu dieser Zeit dort aufgewachsen ist, oder wenigstens als Tourist da war, wird das, was ich hier geschrieben habe, kaum nachvollziehen können. Die, die es erlebt haben, werden es verstehen. In den 90ern hatte Berlin aus meiner Sicht, trotz Love-Parade und DFB-Pokal Endspiel, den Charme verloren. Ich trauere aber nicht hinterher. Die Entwicklung geht immer weiter und inzwischen ist Berlin wieder eine interessante Metropole mit eh bemerkenswerter Geschichte. Ich lebe heute in Krefeld, habe Familie und vermisse meine Geburtsstadt nicht. Wenn ich mal etwas Großstadtluft brauche fahre ich gern nach Köln. Wenn es sich einrichten lässt, besuche ich Berlin natürlich gern, heute als „dummer“ Touri! Ich hatte das unglaubliche Glück in einer Zeit in einer Stadt heranzuwachsen, die es in dieser Art nie wieder geben wird. Mein Berlin – Ick habe Dir jeliebt! Andreas Minz Nachsatz: Mein Denken hat sich natürlich auch mit dem Älterwerden verändert. Die Begriffe Ossi, Wessi oder gar Kümmeltürke sind bitte nicht als Beleidigung aufzufassen. Ich weiß selbst, dass die Türken mit Kümmel so viel zu tun haben, wie Chinesen mit Baumkängurus. Das Augenzwinkern, mit dem ich diesen Text verfasst habe, auch wenn er teilweise schon sehr ehrlich ist, ging hoffentlich zwischen den Zeilen deutlich hervor. |